Die Gürtelepidemie – ein Verein, ein Weltmeister…

Es ist Samstagabend, die Stühle werden nochmal gezählt, die Securities sind schon da, die Kassiererin bekommt Wechselgeld. Heute wird die Halle voll sein. Der Ring steht, die Athleten bereiten sich in den Umkleiden auf die Kämpfe vor. „Meine Damen und Herren, jetzt kommt der Hauptkampf des Abends, es geht um den Weltmeistertitel im Mittelgewicht…“. Das Publikum ist begeistert, das ist das Kolosseum unserer Zeit. Man sieht durchtrainierte Kerle, die mit dem ganzen Herz kämpfen um einen Traum, um Anerkennung, einfach für sich. Das Blut fließt, die Schläge hört man in der ganzen Halle. Einer ist am Boden, der Lokalmatador gewinnt den Titel, die Gäste feiern ihren Helden. Aber wie ist es möglich, dass es mehrere Weltmeister gibt? Dieser Artikel soll den Menschen zeigen, wie diese Branche funktioniert und ein paar Einblicke hinter die Kulisse verschaffen.

Wir fangen von vorne an, erstmal mit Boxen. Wie läuft es denn im Boxen ab? Es gibt einen Boxverband DBV (Deutscher Boxsport Verband). Dieser wird in 17 Landesverbände unterteilt und organisiert das Olympische Boxen in Deutschland. Es werden jährlich Wettkämpfe und Qualifikationsturniere veranstaltet. Als Beispiel, man fährt auf die Ostbayerische Meisterschaft, die ersten 2 Plätzen dürfen bei der Bayerischen Meisterschaft teilnehmen, danach kommt die Süddeutsche Meisterschaft. Wenn man alle Turniere gewonnen hat, oder zumindest Platz 2 geworden ist, darf man bei der Deutschen Meisterschaft im Boxen teilnehmen. Man muss meistens mehrere Kämpfe an einem Tag oder an einem Wochenende bestreiten. So geht es weiter, bis man bei einer Weltmeisterschaft teilnehmen kann. Nächstes Jahr muss man aber trotzdem von vorne anfangen und sich wieder beweisen. Es ist genau aus diesem Grund sehr schwer beim Amateurboxen weiter zu kommen um einen Titel zu gewinnen. Es hat aber auch einen enormen Vorteil… Wenn man Deutscher Meister 2014 in Boxen ist, dann ist man der einzige Deutscher Meister und es gibt keinen anderen. Wie sieht es aber in Kickboxen und K-1 aus?

Mittlerweile gibt es allein in Deutschland über 20 Verbände, die Fight Nights veranstalten und Gürteln verteilen. Wer kämpft aber um die Gürtel? Wie funktioniert es hier? In K-1 gibt es 4 Klassen, von A bis D. In der D-Klasse kämpfen die Anfänger mit der Schutzausrüstung. Nach ein paar Siegen (abhängig vom Verband) darf man in die C-Klasse wechseln. Hier kämpfen noch die Amateure, dennoch schon ohne Schoner. Erringt man weitere Siege, steigt man in die B-Klasse, die so genannte Pro Amateur Klasse, auf. Die höchste Klasse ist die A- Klasse – die Profi Klasse. Wer entscheidet aber, wann der Kämpfer soweit ist? Dafür gibt es keine Ausweise!
Normalerweise muss jeder Kämpfer einen gültigen Pass mit einem Attest besitzen, welcher nicht älter als 1 Jahr ist. In diesem Pass werden im Normalfall die Erfolge aufgeschrieben. Die meisten Veranstalter verlangen aber keinen Pass, das heißt keiner kann nachvollziehen wie viele Kämpfe der Athlet bereits gemacht hat. Aber wie kann man dann objektiv die Kämpfer aussuchen?

Es gibt Verbände, die es ganz einfach machen. Es gibt die sogenannten „Vakanten Titel“. Das bedeutet, dass dieser Gürtel niemandem gehört und jeder um diesen kämpfen kann, was an sich schon ziemlich umstritten ist. Es muss doch ein Ranking der Athleten geben? Gibt es auch, aber das Ranking nützt ganz und gar nichts, da es keine Ausweise gibt. Und wenn es welche gibt dann sind diese leer, da die Erfolge werden nicht aufgeschrieben. Wie geht es weiter?

Ein Veranstalter kauft den Gürtel (hierfür gibt es sogar Preislisten), sucht für einen Lokalmatador einen Gegner aus und zahlt ihm seine Gage (egal aus welcher Klasse derjenige kommt und wie viele Erfolge dieser vorzuweisen hat). Das war´s! Der „schwer verdiente“ Gürtel ist in der Tasche, die Gäste feiern ihren Sieger! Aber was ist, wenn es keine „vakanten Titeln“ gäbe? – es werden einfach neue Gewichtsklassen eröffnet! Aber wie kann man noch zwischen tatsächlich verdienten Gürtel und den „schwer verdienten“ vakanten Gürtel unterscheiden? Gar nicht, leider ist es genau das, was viele talentierte Kämpfer in der Zukunft erwartet. Schlechter Ruf und keine Anerkennung. Es ist schon schwer für die Trainer und für die Kämpfer das zu verstehen. Aber das wichtigste ist doch die Show und das Geld – oder, liebe Verbände?

Für jeden Veranstalter ist es eine hervorragende Möglichkeit in seiner Heimatstätte einen Gürtelkampf zu veranstalten. Die Gäste strömen, das Geld fließt. Eine tolle Werbung für den Verein, was will man mehr? Man hat einen oder sogar mehrere Gürtel im Gym, was aber bald jedes Gym hat! Wie sieht denn die Zukunft des Kampfsports in Deutschland aus?

Die Kämpfer sind nicht mehr motiviert, sie wollen nicht mehr kämpfen. Sie kämpfen für sich, für die Träume, um die Ehre zu verteidigen. Und dann kommt eine Frage von einem Außenstehenden: „Schau mal, er ist ein Weltmeister…!“. Was soll man dazu sagen, bleibt ruhig und macht euer Ding weiter! Nicht für die Gäste… Nicht wegen der Show…. Für euch… Das ist die einzige Möglichkeit die übrig bleibt – kämpfen und ruhig bleiben.
Es ist immer noch so, dass man im Amateurboxen viel mehr leisten muss, um einen Titel zu gewinnen. Auch in MMA ist es noch so, dass man sehr hart arbeiten muss, um sich die Chance auf einen Titelkampf zu bekommen. Hoffentlich bleibt es auch so. Wir wünschen allen Kämpfern viel Geduld und Stärke! Die wahren Kämpfer brauchen keine Gürtel, ihr habt Herz – das ist viel mehr Wert. Leider wird es immer schwieriger einen würdigen Kämpfer von einem Betrüger zu unterscheiden. Sport frei!

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